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Kriegskinder - Wissen statt Waffen

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Eine Apotheke im Norden Ugandas

von Annett und Michael Rischer


Manche Dinge beginnen und enden wie ein Märchen. So auch unsere Geschichte, wie es zum Projekt "Apotheke in Opit" im Norden Ugandas kam.

Vorgeschichte

Seit über 30 Jahren finden in der Windmühle Bockwitz bei Zeit jährlich im Juli die 'Windmühlengespräche' statt. So auch im Juli 2012, wo wir unseren Film über Burma vorstellten. Ein netter Herr meines Alters wollte am Ende unsere Visitenkarte, erhielt sie und man ging auseinander mit dem Vorsatz sich anzurufen (was meist nie geschieht). Am nächsten Tag klingelte das Handy, Andreas Rosenkranz von der Kriegskinderstiftung - "Wissen statt Waffen" rief an. Das wir irgendwie seelenverwandt waren, merkten wir schnell und heute sind wir Freunde. Schnell reifte die Entscheidung, dass wir als "Medienprofis" für die engagierte Stiftung die "PR-Arbeit" unterstützen wollen. So reisten wir im November/Dezember 2012 nach Nord-Uganda und eines der bewegendsten Abenteuer unseres Lebens - welches ja wirklich nicht arm an Adrenalin und Abwechslungen ist - begann.

© Annett und Michael Rischer


Drehort

Der Norden von Uganda empfing uns als eine vom 20-jährigen Bürgerkrieg gezeichnete Gegend. Kaum Infrastruktur, marode Straßen und Krankenhäuser, baufällige Schulen, überfüllte Waisenhäuser, dazu Temperaturen über 40 Grad, Staub, Tag und Nacht ohrenbetäubender Lärm. Unsere Unterkunft ohne Klimaanlage hatte den Charme von Alcatraz; und dazu fast nur Maisbrei und gekochte Bohnen - authentischer kann Schwarz-Afrika kaum sein.


Das Filmprojekt

Unser Film sollte die Arbeit der Kriegskinderstiftung zeigen. Diese finanziert im Dorf Anaka die Ausbildung von ehemaligen Kindersoldaten zu Tischlern, Schneidern, Maurern und Frisören. Hintergrund ist, dass während der Krieges an die 60.000 Kinder von ihren Familien durch die Rebellenarmee entführt worden sind. Sie wurden teilweise unter Drogen gesetzt, lernten schießen und morden - aber nicht lesen und schreiben oder gar einen Beruf. Nun nach Kriegsende kümmern sich ehrenamtliche Helfer und Lehrer um diese inzwischen mitunter erwachsen gewordenen jungen Leute. Wir interviewten ehemalige Kindersoldaten, Lehrer, Helfer und Opfer des Bürgerkrieges.


Interview mit einer Mutter am Massengrab

© Annett und Michael Rischer



Freizeit

Wir nutzten jede freie Minute, um über Land zu ziehen und den Menschen zu begegnen, mit ihnen zu sprechen (durch die Amtssprache Englisch kein Problem) und ihren Alltag kennen zu lernen. So besuchten wir ein Waisenhaus, in welchem Aids-Waisen und andere Kinder ohne Eltern aufwachsen. Dabei berührten uns überall die unglaubliche Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen. Wieder einmal traf uns die Erkenntnis, dass wahres Glück und Lebensfreude nur wenig mit materiellen Dingen zu tun hat, wie ein Donnerschlag.


© Annett und Michael Rischer


Wir wanderten durch die Savanne, schauten den Bauern zu, wie sie, nur mit Hilfe ihrer Holzhacke, Erdnüsse, Süßkartoffeln oder Maniok anbauten. Oft hielten sie ein mit ihren Arbeiten, suchten das Gespräch und die Begegnung. Bei unseren Interviews stellten wir immer wieder am Ende die Frage: "Was ist Dein Traum für Dich und für Uganda?" In einer Schule sagte die Lehrerin, ihr Traum wäre, dass jedes Kind der Klasse ein paar Schuhe hätte. Das Paar Schuhe, die hier übrigens aus alten Autoreifen hergestellt werden, kostete keine fünfzig Cent - so klein sind manchmal Träume in Afrika. Für Träume sind die Kirchen ein guter Hort. Manchen Sonntag finden bis zu vier Gottesdienste hintereinander statt. Jedesmal sind an die 600 Menschen im Gotteshaus und sie stehen in Trauben bis vor die Türen.

Wir besuchten das Krankenhaus von Anaka - von weitem sah es noch ganz gut aus. Dann kamen wir näher. Scheiben waren eingeworfen. Draußen saßen viele Menschen und kochten auf offenen Feuern für ihre kranken Angehörigen, denn Essen gibt es im Krankenhaus nicht. Dann Rundgang - ganz oben die Station für die Kinder. Die meisten Betten belegt und darin Kinder mit Malaria infiziert.


© Annett und Michael Rischer


Eine Etage darunter wieder ein großer Saal mit verrosteten Betten, aber diesmal leer. Wer liegt hier? - so unsere Frage. Es war die Station für die malariakranken Männer. Aber vorgestern ging die Ernte los und alle mussten zur Arbeit aufs Feld. Nach der Ernte kommen alle wieder ins Krankenhaus. Aber das Trauma wartete ganz unten auf uns. Lange Flure voller Mütter mit schreienden Kindern auf dem Schoß. Ganz hinten ein Zimmer mit einer Oberschwester. Sie nahm den Kindern Blut und machte einen Schnelltest. Viele trug sie in ein großes, dickes Buch ein. Als sie dieses Buch zuschlug, stand vorn in großen Buchstaben: HIV/AIDS.


Begegnung

Eines Abends schlenderten wir, wie immer von allen neugierig beäugt, durch Anaka. Nahe des Krankenhauses wohnten Frauen mit ihren Kindern in kleinen Hütten. Unsere Produktionsleiterin Therese Schöll kannte eine von ihnen und wir wurden ihr vorgestellt. Es war Molly. Sie hatte erst vor vier Monaten ein kleines Mädchen names Anna bekommen. Molly arbeitete in der Apotheke des Krankenhauses, war aber nun im unbezahlten Mutterschafturlaub. Wir besuchten Molly nun fast jeden Abend. Sie kochte für uns (so z. B. gebratenen Räucherfisch mit Maisbrei, hier ein Festessen und sehr lecker). Einmal kamen wir unangemeldet. Sofort rannte jemand los, holte Molly. Sie hatte noch den halben Kopf voller Lockenwickler, denn sie saß beim Frisör. In die kleine süße Anna verliebten wir uns beide und erkoren sie als unser Patenkind aus.


© Annett und Michael Rischer


Noch ahnten wir nicht, wie dramatisch sich die Lage für Molly wenige Wochen später entwickeln sollte. Weihnachten schickten wir der Familie über Western-Union Geld und im Januar ein Päckchen. Ab und an telefonierten wir - kein Problem heutzutage, auch in Afrika nicht.


Zurück in Deutschland

An einem frostigen Januartag kam die Hiobsbotschaft: Molly war über Nacht arbeitslos geworden und die Familie hatte kein Einkommen mehr. Man hatte sämtlichem Personal im Krankenhaus gekündigt und nur wer Geld bezahlen konnte, wurde wieder eingestellt. Molly schickte uns eine SMS. In einem Telefonat schilderte sie ihre Misere und fasste den Plan, eine eigene Apotheke zu gründen - in ihrem Heimatort Opit in Nord-Uganda. Dort gibt es im Umkreis von 50 Kilometern keine Apotheke. Die Kranken müssen mit dem Moped bis nach Gulu fahren, um die dringend benötigte Medizin zu erhalten. Spontan beschlossen wir, das ist unser Projekt: Molly macht dort eine Apotheke auf - und wir helfen mit!


© Annett und Michael Rischer


Schon bald erzählten wir Freunden und Bekannten vom Projekt. Erste kleine Spenden flossen. Dann beschlossen wir Multi-Media-Vorträge zu halten - das Honorar ging in die Spendenbox. Ein befreundetes Ehepaar, das eine Töpferei in Obergeißendorf bei Greiz betreibt, töpferte eine afrikanische Rundhütte aus Ton als Spendenbox. Es würde Seiten füllen, aufzuzählen, welche wohltuende Welle der Hilfsbereitschaft uns erreichte.


Start!!

Allerdings mussten wir schnell erkennen, dass dieses Projekt für zwei Menschen zu groß ist. Unsere Freunde Sandra Steiner und Andreas Rosenkranz von der Kriegskinderstiftung machten es zu einem gemeinsamen Vorhaben. Kurzum, im April 2013 hatten wir mehr als 1.000 Euro zusammen. Nun musste es schnell gehen, da Ende April die Registrierungsfrist bei der Behörde ablief. Also blitzschnell den Lebenslauf von Molly eingeholt - alles super vom Bildungsweg her (immer nach afrikanischen Maßstäben) und sie und ihr Vorhaben nochmal formal auf Herz und Nieren geprüft, dann das Geld über Western-Union überwiesen und telefoniert. Am 28. April 2013 hatten wir "unsere" Apotheke in Uganda endlich "in trockenen Tüchern". Und so sieht das dann aus!!


© Annett und Michael Rischer


Die Freude bei Allen riesig und vor allem bei Molly. Noch am gleichen Tag fuhr sie in die Hauptstadt Kampala und kaufte Bretter, Gläser, Medikamente und schaffte alles nach Opit. Nun wurde gewerkelt und pünktlich Anfang Mai startete unsere gemeinsame Apotheke - ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für die Menschen hier in Uganda.


© Annett und Michael Rischer


Doch das Projekt geht weiter. Am 28.April berichteten wir im Rahmen eines Gottesdienstes in der evangelisch-methodistischen Kirche in Greiz über unsere Apotheke und erlebten eine beispielslose Anteilnahme und Spendenbereitschaft. Allen sei hier gedankt. Namen nennen wir nicht, wir möchten keinen vergessen und keinen hervorheben. Aber wie auf dem Foto oben: viele Hände schaffen mehr als der einzelne Finger - wie sagt man in Uganda: "Looking Forward".

Und ganz zum Schluss

Die Abrechnung von Molly über Alles, was sie für die Apotheke gekauft hat. Kein Euro wird für Nebenkosten, Verwaltung usw. verwendet. Jeder Cent kommt an!!


© Annett und Michael Rischer



Gerne berichten wir über unser Projekt oder auch unsere Erfahrungen in Afrika (Äthiopien, Uganda, Kamerun, Namibia, Zimbabwe, Botswana).

Sie erreichen uns unter der Adresse: Annett und Michael Rischer 07952 Pausa P.-Scharf-Str. 14, über Tel.: 0171 74 23 457 oder unsere Web-Seite www.mr-filmproduktion.de.


Wir danken Michael und Annett herzlich für ihre tolle Arbeit in Uganda und Deutschland. Ohne sie wäre das Projekt "Apotheke in Opit" nicht entstanden.Vielen Dank auch für diesen ausführlichen Bericht.